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Helmut Rötzsch (1923–2017) – In memoriam

Prof. Dr. Helmut Rötzsch ist am 28. März 2017 im Alter von 93 Jahren verstorben. Er war fast 30 Jahre lang, von 1961 bis 1990, Haupt- und Generaldirektor der Deutschen Bücherei in Leipzig, dem Gründungshaus der Deutschen Nationalbibliothek.
Am 17. Dezember 1923 als Arbeiterkind in Leipzig geboren, ließ sich Helmut Rötzsch ab 1938 beim Leipziger Buchgroßhändler Koehler & Volckmar zum Buchhändler ausbilden und war dort als Buchhandlungsgehilfe bis 1941 tätig. Nach seinem Arbeitsdienst wurde er 1942 zur Luftwaffe der Wehrmacht eingezogen und nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1946 entlassen. Nach dem Krieg studierte er Kulturpolitik an der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig und begann seine Tätigkeit an der Deutschen Bücherei im Oktober 1950. Zunächst als Kaderleiter, ab 1953 als Verwaltungsdirektor, von 1953 bis 1955 als Leiter der Lesesäle, bis 1961 als Abteilungsleiter Beschaffung wurde er 1959 stellvertretender und schließlich 1961 Hauptdirektor. 1964 wurde das Amt zum Generaldirektor umbenannt. Helmut Rötzsch bekleidete zahlreiche Ämter unter anderem als Vorsitzender des Beirates für das wissenschaftliche Bibliothekswesen der DDR, als Mitglied des Hoch- und Fachschulrates, als Präsident des Deutschen Bibliotheksverbandes, als Stadtverordneter in Leipzig und anderes mehr. Darüber hinaus engagierte er sich auch international – in der UNESCO und der IFLA, dem Dachverband der Bibliotheken. Er war in der SED und ihren Organen seit 1947 aktiv und wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt.

Helmut Rötzsch steht für die Entwicklung der Deutschen Bücherei zu Zeiten der deutschen Teilung, mit allen Herausforderungen dieser Zeit. Er setzte sich erfolgreich dafür ein, die Deutsche Nationalbibliografie als gesamtdeutsches Schriftenverzeichnis gemäß dem ursprünglichen Auftrag fortzuführen. Seit den 1950er Jahren reiste er regelmäßig auf die Buchmesse nach Frankfurt am Main und überzeugte den größten Teil der westdeutschen Verlage, Belegexemplare ihrer Publikationen weiterhin nach Leipzig zu schicken. Er tat dies mit Unterstützung der DDR-Politik, die sich der Anerkennung der Deutschen Bücherei im westlichen Ausland rühmte. Auch wenn aus ideologischen Gründen nicht alle Bücher der Sammlung zugänglich gemacht wurden, ist Helmut Rötzsch das Verdienst zuzurechnen, dafür gesorgt zu haben, dass die Bücher überhaupt nach Leipzig kamen und bibliografisch verzeichnet werden konnten und schließlich bis heute zur Verfügung stehen. In den späten 80er Jahren intensivierte er die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main bis hin zu gegenseitigen Arbeitsbesuchen und Absprachen für die bibliothekarischen Regelwerke. Der gute Kontakt zu den Generaldirektoren der Schwesterbibliothek im Westen war die Voraussetzung für Helmut Rötzschs bleibendes Vermächtnis. Gemeinsam mit Prof. Klaus-Dieter Lehmann entwarf er den Plan für die Vereinigung beider Institutionen mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990, die die Erhaltung beider Standorte sicherte.
Helmut Rötzsch schreckte vor unkonventionellen Methoden nicht zurück, wenn es darum ging, das Beste für „seine“ Bibliothek zu erreichen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Bücherei kannten „ihren Professor“ als „Chef zum Anfassen“. Als in den 70er Jahren neue Magazinkapazitäten benötigt wurden, gelang es ihm den Bau des Bücherturms am Deutschen Platz in Leipzig trotz allgemeiner Geldknappheit und Kapazitätsmängel durch persönliche Verbindungen ohne Verankerung in den Fünfjahres-Plänen der DDR ins Werk zu setzen. Der legitimierende Parteitagsbeschluss folgte kurz nach Baubeginn. Es sind außerdem Anekdoten überliefert, nach denen Helmut Rötzsch von seinen Reisen in das „kapitalistische Ausland“ nicht nur mit zahlreichen Bücherkisten zurückkehrte, sondern aus diesen hin und wieder weniger offizielle Mitbringsel, wie Kopiergeräte mitbrachte, die sich auf regulärem Weg nicht hätten beschaffen lassen. Seit 1955 war er auch inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit und berichtete über seine Auslandsreisen. Über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Bücherei sollen sich in seinen Berichten nach den 2012 veröffentlichten Recherchen eines Journalisten nur positive Einschätzungen finden. Auch das gehörte wohl zu Rötzschs politischem und sachlichem Pragmatismus im Dienst des Gründungsauftrages der Deutschen Bücherei, den er unbeschadet über die Zeit der deutschen Teilung trug und 1990 nicht ohne Herzblut an seine Nachfolger weiterreichte.

Seine Leistungen für die Deutsche Bücherei werden lange fortleben in der Deutschen Nationalbibliothek, die sein Andenken in Ehren hält.

Für die Deutsche Nationalbibliothek und deren Angehörige
Dr. Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin
Michael Fernau, Direktor in Leipzig

Letzte Änderung: 7.4.2017

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