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Jahresbericht 2004

Von Generaldirektorin Dr. Elisabeth Niggemann

Jahresrückblick

Die Deutsche Bibliothek hat im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Maßnahmen getroffen, um das vorhandene Potenzial bestmöglich zu nutzen und ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern. Einige Themen bilden schon seit Jahren einen Schwerpunkt der Aktivitäten und werden das auch weiterhin tun. Die Frage, wie eine Nationalbibliothek mit Netzpublikationen umgehen soll und wie sich das in ihrem gesetzlichen Auftrag niederschlägt, ist nur eine davon. Auch die Planungen für den 4. Erweiterungsbau für die Deutsche Bücherei Leipzig werden die Bibliothek über mehrere Jahre beschäftigen. Dieser Jahresrückblick zeigt in aller Kürze die Themen und Arbeitsschwerpunkte Der Deutschen Bibliothek im Jahr 2004 auf.

Erweiterungsbau Leipzig

Die Vorplanung für den 4. Erweiterungsbau der Deutschen Bücherei Leipzig konnte zur Zufriedenheit aller Beteiligten abgeschlossen werden. Als Baubeginn ist das Jahr 2006 vorgesehen. Vor Beginn der Ausführungsplanungen ist allerdings ein wesentlicher Punkt zu klären: Die Zweckmäßigkeit und Kostengünstigkeit der Unterbringung des Deutschen Musikarchivs in der so genannten Siemensvilla in Berlin ist in den vergangenen Jahren wiederholt in die Diskussion geraten. In einer neuen Studie wurde daher untersucht, ob und unter welchen Bedingungen eine Integration des Deutschen Musikarchivs in den 4. Erweiterungsbau der Deutschen Bücherei Leipzig möglich ist. Nach dem Ergebnis der Studie ist die Integration des Deutschen Musikarchivs in den Gesamtkomplex der Deutschen Bücherei aus baufachlicher Sicht möglich und wirtschaftlich. Zusätzlich wurden die Argumente zusammengetragen, die für einen Verbleib des Deutschen Musikarchivs in Berlin bzw. für einen Umzug nach Leipzig sprechen. Der Verwaltungsrat hat Ende Januar 2005 entschieden, dass die Integration sowohl für das Deutsche Musikarchiv Berlin als auch Die Deutsche Bibliothek die beste und zukunftsfähigste Lösung ist.

Gesetzesnovellierung

Die grundlegenden Veränderungen im Publikationswesen machen eine Erweiterung des gesetzlich festgelegten Sammelauftrages Der Deutschen Bibliothek im Hinblick auf Netzpublikationen erforderlich. Deren Sammlung, Erschließung und dauerhafte Archivierung sowie die Nutzung über nutzungsrechtliche »Verfalldaten« und technische Überalterung hinaus sind eine Herausforderung. 2004 hat die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien eine Novellierung des »Gesetzes über die Deutsche Bibliothek« initiiert und somit dem Bedürfnis Rechnung getragen, Netzpublikationen in den Sammelauftrag einzubeziehen. Der daraus entstandene Gesetzesentwurf enthält auch einen neuen, den wahrgenommenen Aufgaben angepassten Namen für Die Deutsche Bibliothek: Deutsche Nationalbibliothek. Der Entwurf befindet sich in der Ressortabstimmung der Bundesministerien.

Digitale Bibliothek

Die Abgabe von Netzpublikationen an Die Deutsche Bibliothek erfolgt auf Grundlage von Vereinbarungen zur freiwilligen Ablieferung. Die Einbeziehung von Netzpublikationen in den Sammelauftrag ist notwendig, um das kulturelle Erbe der Nation für die Allgemeinheit langfristig umfassend zu dokumentieren. Hinsichtlich der Bewältigung eines gesetzlich auf Netzpublikationen erweiterten Sammelauftrages sind folgende Faktoren entscheidend: Die Ermittlung und Erwerbung der Publikationen, die Erschließung und die Speicherung sowie die langfristige Archivierung und Gewährung der Benutzbarkeit. Kooperationen zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben sind wünschenswert und denkbar. Mit der Arbeitsgemeinschaft der Regionalbibliotheken wurden bereits verschiedene Kooperationsmodelle diskutiert und getestet.

Vereinbarung zur Vervielfältigung kopiergeschützter Werke

Einige Tonträgerhersteller und Verleger versehen ihre elektronischen Publikationen mit einem Kopierschutz. Die Umgehung dieser technischen Schutzmaßnahmen ist untersagt. Das Urheberrechtsgesetz sieht jedoch so genannte Schrankenregelungen vor, nach denen der Zugang zu urheberrechtlich geschützten Werken zu bestimmten Zwecken, wie zum Beispiel für wissenschaftliche und kulturelle Nutzungen, zulässig ist. Die letzte Novelle des Gesetzes sieht hierfür ausdrücklich die Möglichkeit von Vereinbarungen zwischen Verbänden vor, um diese Nutzungen auch von kopiergeschützten Medien zu ermöglichen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft haben diese Möglichkeit genutzt und mit Der Deutschen Bibliothek eine vertragliche Vereinbarung geschlossen. Danach darf Die Deutsche Bibliothek Vervielfältigungen auch unter Umgehung technischer Schutzmaßnahmen für die eigene Archivierung, für den wissenschaftlichen Gebrauch von Nutzern, für Sammlungen für den Schul- oder Unterrichtsgebrauch, für Unterricht und Forschung sowie von vergriffenen Werken anfertigen. Um Missbrauch zu vermeiden, wird Die Deutsche Bibliothek das Interesse von Nutzern zur Anfertigung einer solchen gebührenpflichtigen Vervielfältigung prüfen und die Kopien möglichst mit Kopierschutz und personalisierten digitalen Wasserzeichen versehen.

Haushalt / Bibliotheksorganisation

Die Haushaltslage ist weiterhin angespannt. Zur rationelleren Einschätzung des Ressourcenverbrauchs für die Erfüllung der Aufgaben hat Die Deutsche Bibliothek Controlling eingeführt. Die eingesetzte Controlling-Software bietet, aufbauend auf der Kosten- und Leistungsrechnung, vielfältige Controlling-Instrumente und stellt eine Entscheidungshilfe für bestehende und geplante Produkte dar. Die Implementierung des Systems startete im Februar 2004, im Laufe des Sommers wurden die nötigen Daten in das System eingegeben, im Herbst die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult. Nach einer zweimonatigen Testphase zum Jahresende wurde ab Januar 2005 das Controlling-System fest eingeführt.
Darüber hinaus hat Die Deutsche Bibliothek begonnen über Aufgabenpriorisierung und weitere Einsparpotenziale zu diskutieren. Mit einem initialen Treffen der Führungskräfte wurde das Projekt Ressourcen- und Aufgabenkonzentration 2004 gestartet. Vorschläge und Hinweise aus dem gesamten Kreis der Beschäftigten wurden gesammelt, geprüft und in Arbeitsaufträgen und Stellungnahmen punktuell weiterverfolgt. Eine Vielzahl von Anregungen konnte unmittelbar, oder nach weiterer Prüfung und Vorarbeiten umgesetzt werden. Die Ressourcen- und Aufgabenkonzentration 2004 wird als Dauerprojekt fortgeführt. In Verbindung mit dem Leitbildprozess und insbesondere mit dem eingeführten Controllingsystem müssen Aufgabenstellungen und Arbeitsabläufe permanent überprüft und weiterentwickelt werden. Alle Maßnahmen zielen darauf ab, die notwendigen Instrumentarien zu liefern, um Personal und Sachmittel wirtschaftlich und zielorientiert einzusetzen.

Leitbild

Bereits im Herbst 2002 hatte eine Arbeitsgruppe der Generaldirektion als Grundlage für die Controlling-Entwicklung Leitsätze für Die Deutsche Bibliothek erarbeitet. Diese Leitsätze bildeten den Ausgangspunkt für die im Januar 2004 in einem Bottom-up-Prozess begonnene Entwicklung eines Leitbildes Der Deutschen Bibliothek. Ziel ist, einen gemeinsamen Orientierungsrahmen, gleichermaßen für die tägliche Arbeit wie für anstehende Planungen und Entscheidungen, zu gewinnen.

Standardisierungsarbeit

Die Bedeutung von Standardisierung und Normung ist angesichts globaler Netzwerke und anhaltendem Effizienzdruck heute höher denn je. Die Deutsche Bibliothek setzt daher ganz entschieden auf Standardisierung im internationalen Rahmen. Das Projekt »Umstieg auf internationale Formate und Regelwerke (MARC21, AACR2)« wurde im Mai abgeschlossen. Die im Projektbericht vorgelegten Ergebnisse haben die Vorteile der Anwendung von MARC21 und AACR2 bestätigt, und es haben sich keine Aspekte ergeben, die gegen einen Umstieg sprechen. Es besteht die große Chance, weltweit verbreitete Standards auch in Deutschland einzuführen. Der Standardisierungsausschuss hat sich für eine schrittweise Internationalisierung ausgesprochen. Dazu wurde im Dezember u. a. die Einführung von MARC21 als einheitlichem Austauschformat beschlossen.

IFLA-CDNL Alliance for Bibliographic Standards (ICABS)

Ein Jahr nach ihrer Gründung in Berlin hat die Core Activity der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) »IFLA-CDNL Alliance for Bibliographic Standards (ICABS)« bei der IFLA-Konferenz in Buenos Aires zum ersten Mal das Spektrum ihrer Arbeitsfelder einem großen Fachpublikum vorgestellt.
Mit ICABS streben die National Library of Australia, die Library of Congress, die British Library, die Koninklijke Bibliotheek und Die Deutsche Bibliothek gemeinsam mit der National Library of Portugal, der IFLA und der Conference of Directors of National Libraries (CDNL) die Fortsetzung der Koordination und Unterstützung von Schlüsselaktivitäten im Bereich der bibliografischen und der Ressourcen-Kontrolle sowie damit zusammenhängender Formatstandards an. Die Deutsche Bibliothek hat während der ersten drei Jahre der Allianz den Vorsitz im ICABS Advisory Board inne und stellt während dieser Zeit auch das Sekretariat.

Virtual International Authority File (VIAF)

Für das Projekt VIAF zeichnen Die Deutsche Bibliothek, die Library of Congress und OCLC verantwortlich. Am Beispiel der Personennamendatei (PND) und des Library of Congress Name Authority File (LCNAF) soll die Durchführbarkeit einer Idee nachgewiesen werden: An nationalen Normdateien verteilt und arbeitsteilig arbeiten, sie aber gemeinsam nutzen und über die Normdaten auch den Zugriff auf die jeweils zugehörigen Titeldaten ermöglichen. Beim gegenwärtigen Projektstand werden die Personensätze der Library of Congress mit denen der Personennamendatei zusammengeführt. Sind identische Personensätze gefunden, wird ein VIAF-Datensatz angelegt. Eine erste VIAF-Testdatenbank ist bereits eingerichtet. In weiteren Projektphasen sind der Aufbau des VIAF-Servers, die Einrichtung eines Update-Verfahrens zwischen dem VIAF und den beteiligten Normdateien und die Öffnung für bibliothekarische Nutzer und Endnutzer geplant.

Koordinierungsstelle DissOnline

Die im Jahr 2001 an Der Deutschen Bibliothek eingerichtete Koordinierungsstelle DissOnline bietet Hochschulbibliotheken Hilfestellung bei der Einführung oder Änderung des Workflows für Online-Dissertationen sowie Hilfe bei der Nutzung der Verfahren zur Übermittlung von Online-Hochschulschriften und deren Metadaten. Die Arbeit der Koordinierungsstelle DissOnline wird vom Beirat DissOnline aktiv begleitet. Das seit dem 1. März 2003 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt zum weiteren Ausbau der Koordinierungsstelle DissOnline wurde Ende 2004 erfolgreich abgeschlossen. Die Ziele des Projektes, u. a. Schaffung der Grundlagen für den Aufbau einer Infrastruktur in Deutschland, Aufbau von Kooperationen, Erarbeitung von Rahmenverträgen und Rechtehinweisen, Empfehlungen zur Erstellung von Richtlinien für ein einheitliches praktikables Verfahren DissOnline wurden erreicht und umgesetzt. Zurzeit nehmen 85 Hochschulbibliotheken am Ablieferungsverfahren teil. Bisher wurden ca. 30.500 Dissertationen und 400 Habilitationen gemeldet.

Neukonzeption Deutsche Nationalbibliografie

Die im Jahr 2003 beschlossene Neukonzeption der Deutschen Nationalbibliografie wurde 2004 mit großer Akzeptanz bei den Nutzern umgesetzt. Seit Januar 2004 erfolgt nun die Erstverzeichnung mit der frei zugänglichen Datenbank Der Deutschen Bibliothek http://dnb.ddb.de. Daneben gibt es kostenpflichtige nationalbibliografische Angebote für diejenigen Nutzer, die eine bestimmte Ausgabeform beziehen möchten oder bestimmte Lieferintervalle für die Daten bevorzugen. Neben dem weiter bestehenden Angebot der gedruckten und CD-ROM/DVD Ausgaben sowie der Datendienste werden die Reihen der Deutschen Nationalbibliografie und des Neuerscheinungsdienstes auch als HTML-Dateien angeboten. Für die Reihen M und T, die nicht mehr in gedruckter Form erscheinen, ist zusätzlich eine PDF-Version als Druckausgabe erhältlich. In einer 2. Stufe sollen dann im Zuge der Entwicklung des Gesamtkatalogs und des Portals Der Deutschen Bibliothek weitere Dienste präsentiert werden: Filter auf einzelne Bibliografiereihen, Möglichkeit des Generierens von SDI-Profilen auf neu hinzugekommene Titel, Auswahl bestimmter Medienarten, Fortentwicklung der Möglichkeit, Datensätze in strukturierter Form online abzurufen, Verlinkung zu einer Bestellmöglichkeit des Titels beim Buchhandel.
Verändert wurden auch die Druckausgaben der Deutschen Nationalbibliografie. Die Druckausgaben der Reihen M und T wurden eingestellt, die Übersetzungen und Germanica, die bisher in der Reihe G angezeigt wurden, sind nun Bestandteil der Reihe A. Der Neuerscheinungsdienst, der 2003 direkt von Der Deutschen Bibliothek in gedruckter Form und als PDF-Version angeboten wurde, wird seit 2004 als Druckausgabe vom Verlag MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH vertrieben. Das bisherige Fünfjahresverzeichnis wurde auf einen dreijährigen Erscheinungsrhythmus umgestellt.

Neugliederung Deutsche Nationalbibliografie

Als weitere Veränderung wurde mit Bibliografie-Jahrgang 2004 die Gliederung der Deutschen Nationalbibliografie von den bisherigen 65 Sachgruppen auf 100 Sachgruppen, die weitgehend den beiden obersten Ebenen der Dewey Dezimalklassifikation entsprechen, umgestellt. Damit ist eine einheitliche Regelung für die Nationalbibliografien der deutschsprachigen Länder geschaffen und zugleich Anschluss an die internationale Entwicklung gefunden, da die DDC in mehr als 60 Ländern für die Erschließung in Nationalbibliografien verwendet wird.

Portal

Die Deutsche Bibliothek arbeitet an einer Neukonzeption ihres Web-Auftritts. Die Seiten erhalten ein neues Layout und im Laufe des Jahres 2005 sollen sukzessive Portalfunktionalitäten in die neue Homepage integriert werden. Statt den Benutzer mit unterschiedlichen Systemen zu konfrontieren, sollen im Portal die Daten aus den Einzelsystemen unter einer einheitlichen Oberfläche und mit gleicher Funktionalität genutzt, aufbereitet und dem Benutzer präsentiert werden. Die Realisierung dieses funktionalen Portalkonzepts wird in mehreren Schritten erfolgen. Mit der Entwicklung erster Portalservices wurde 2004 begonnen, erste Spezifikationen und Prototypen wurden erarbeitet. Außerdem wurde zur Verwaltung des statischen WEB-Angebotes ein Content-Management-System eingeführt.

Benutzung

Von 14.179 Benutzerinnen und Benutzern wurden in der Deutschen Bücherei Leipzig an 295 Öffnungstagen 520.876 Bestellungen aufgegeben. In der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main (mit dem Deutschen Musikarchiv Berlin) bestellten 24.691 Leserinnen und Leser an 295 Öffnungstagen 486.224 Werke zur Benutzung im Lesesaal.
Die Gebührenordnung wurde mit dem Ziel einer Verschlankung und übersichtlicheren Gestaltung überarbeitet. Anfang 2004 wurde die Neufassung der Gebührenordnung in Kraft gesetzt. Mit Ausnahme der unmittelbaren Benutzungsgebühren, die leicht erhöht wurden, blieben die Gebühren im Wesentlichen unverändert.

Bestand und herausragende Neuerwerbungen

Der Bestand der Deutschen Bücherei Leipzig wuchs im Berichtsjahr um rund 309.194 Einheiten auf insgesamt 13.241.332 Einheiten, der Bestand der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main (einschließlich Deutsches Musikarchiv Berlin und GEMA-Notenbestand) um 299.897 auf insgesamt 8.961.969 Einheiten. Der Bestand der Online-Hochschulschriften stieg in der Deutschen Bücherei Leipzig um 3.570 auf 12.471 Einheiten, in der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main um 5.923 auf 17.616 Einheiten.
Das Deutsche Exilarchiv 1933 - 1945 konnte im Berichtsjahr neun neue Nachlässe, Teilnachlässe und Sammlungen erwerben und viele bereits vorhandene Bestände mit wertvollen Neuzugängen erweitern. So zum Beispiel der Nachlass des Schriftstellers Hermann Adler und des Physikers Gerhard Lewin. Der Nachlass des Literaturwissenschaftlers Ernst Loewy konnte um einen umfangreichen Nachtrag erweitert werden. Außerdem konnten an Einzelstücken u. a. folgende Dokumente erworben werden: zwei signierte Porträtfotografien von Erika und Klaus Mann, zwei Briefe Katia Manns an den früheren Sekretär Thomas Manns, Hans Meisel. Von den Erwerbungen des Historischen Archivs und der Bibliothek des Börsenvereins, die der Börsenverein bereits 2002 Der Deutschen Bibliothek als Depositum übergab, sind besonders hervorzuheben: 277 Antiquariatskataloge aus dem 18. Jahrhundert und ein Konvolut mit 20 Briefen an Stephanie und Karl Robert Langewiesche. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum bereicherte seine Bestände u. a. durch den Nachlass von Hans Peter Willberg, einem der bedeutendsten deutschen Typografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie durch den Erwerb der Künstleredition Aufruhr, Gilgamesch Epos, von Felix Martin Furtwängler. Das Deutsche Musikarchiv Berlin konnte seinen Bestand an historischen Tonträgern um 1.700 Einheiten vermehren, darunter 67 Emil Berliner Schellackschallplatten.

Bestandserhaltung

Ende 2003 wurde für Bundeseinrichtungen ein neuer Rahmenvertrag für die Massenentsäuerung ausgeschrieben. Das Bundesbeschaffungsamt konnte den Zuschlag jedoch auf Grund eines Einspruchs erst im Januar 2005 erteilen. Daher konnten 2004 keine Bestände entsäuert werden. Allgemeine Bindearbeiten und Reparaturen wurden an 40.430 Objekten durchgeführt, restauriert wurden 986 Einzelblätter und 258 Bände.

Langzeitarchivierung

Elektronische Publikationen gewinnen sowohl im wissenschaftlichen Publikationswesen als auch in der allgemeinen Informationsversorgung stetig an Bedeutung. Bibliotheken, Archive und Museen stehen hinsichtlich der dauerhaften Bewahrung und Zugänglichkeit dieser digitalen Objekte vor neuen Anforderungen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert seit Mai 2003 das Projekt »Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung (NESTOR)«. Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird unter Federführung Der Deutschen Bibliothek mit Partnern aus dem Bibliotheks-, Archiv- und Museumswesen durchgeführt, mit dem Ziel digitale Quellen in Deutschland langfristig zu archivieren, zu sichern und zur Verfügung zu stellen. 2004 wurden erste Projektziele erreicht: der Internetauftritt www.langzeitarchivierung.de wurde eingerichtet und dient mit seinen vielfältigen Angeboten allen interessierten Institutionen und Einzelpersonen als Informations- und Kommunikationsplattform. Eine der insgesamt sieben beauftragten Expertisen zu Fragen der Langzeiterhaltung digitaler Ressourcen wurde der Öffentlichkeit zum Jahresende 2004 vorgelegt. Die Studie »Digitale Langzeitarchivierung und Recht« beleuchtet die rechtlichen Rahmenbedingungen von Langzeiterhaltungsaktivitäten, die Gedächtnisorganisationen zu beachten haben. Zwei weitere Expertisen konnten Anfang 2005 veröffentlicht werden.

KOPAL

Ziel des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes »Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs Digitaler Informationen (KOPAL)« ist die praktische Erprobung und Implementierung eines kooperativ erstellten und betriebenen Langzeitarchivierungssystems für digitale Informationen. Als Verbundpartner wollen Die Deutsche Bibliothek, die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen und IBM Deutschland eine kooperativ betriebene und nachnutzbare Lösung für die Langzeiterhaltung digitaler Ressourcen implementieren. Der technische Systembetrieb erfolgt durch die Gesellschaft für Wissenschaftliche Datenverarbeitung mbH Göttingen. Die technische Umsetzung der in KOPAL zu realisierenden Funktionalität beruht auf Vorarbeiten, die von der Königlichen Bibliothek der Niederlande und IBM als gemeinschaftliches Entwicklungsprojekt bereits seit dem Jahr 2000 betrieben werden. Die Weiterentwicklung zu einem kooperativ betriebenen, mit standardisierten Schnittstellen ausgestatteten System im Rahmen von KOPAL wird von IBM übernommen. Die von den Verbundpartnern erstellte Software soll den Status »Open Source« erhalten. Bereits während der dreijährigen Projektlaufzeit sollen umfangreiche heterogene Daten in das System eingespeist werden, um die Leistungsfähigkeit und Nachnutzbarkeit des Konzeptes unter den Bedingungen eines produktiven Betriebes unter Beweis zu stellen.
Mit den Projekten »KOPAL« und »NESTOR - Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung« betreut Die Deutsche Bibliothek federführend zwei Projekte mit strategischer Bedeutung für die Langzeiterhaltung des digitalen kulturellen Erbes in Deutschland.

EPICUR

Persistent Identifier (PI) sind für die Benutzung und Verwaltung von elektronischen Dokumenten unerlässlich. Die Deutsche Bibliothek hat im Rahmen des Projektes CARMEN (Arbeitspaket 4) ein »Uniform Resource Name« (URN)-Management eingeführt. Innerhalb des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Nachfolge-Projekts EPICUR wird das URN-Management auf weitere Dokumentenklassen und Publikationsformen ausgeweitet. Der technische Dienst wird weiter entwickelt, das Servicespektrum erweitert und auf eine produktive Plattform überführt, womit eine komplementäre Anwendung verschiedener PI-Dienste ermöglich wird.

Crosskonkordanz Standard-Thesaurus Wirtschaft (STW) - Schlagwortnomdatei (SWD)

Im September wurde das seit März 2002 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt zur Erstellung einer Crosskonkordanz zwischen der Schlagwortnormdatei (SWD) und dem Standard-Thesaurus Wirtschaft (STW) erfolgreich abgeschlossen. Es liegt nun eine Verknüpfung beider Thesauri vor, die erstmals eine integrierte Suche mit Wirtschafts-Schlagwörtern in heterogen erschlossenen Beständen ermöglicht. Bibliotheks- und Fachinformationsnutzer können mit ihrem vertrauten Vokabular recherchieren. Mittels der Crosskonkordanz werden die Suchfragen übersetzt und die Trefferquote relevanter Dokumente wird erhöht. Das Projekt legte den Grundstein für eine andauernde Annäherung der Thesauri und trägt zu einer dauerhaften Kooperation der beteiligten Partner - Die Deutsche Bibliothek, Hamburgisches Weltwirtschaftsarchiv (HWWA), Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (ZBW), Universitäts- und Stadtbibliothek Köln in ihrer Eigenschaft als Sondersammelgebietsbibliothek für Betriebswirtschaft, Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes in Göttingen - bei.

DDC Deutsch

Ziel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes DDC Deutsch ist die Übertragung der 22. Ausgabe der Dewey Dezimalklassifikation (DDC) ins Deutsche. Neben einer Druckausgabe in der international üblichen Form wird eine am Original WebDewey orientierte deutschsprachige Web-Version erstellt. Im Jahr 2004 sind wesentliche Teile der DDC-Übersetzung abgeschlossen worden und liegen inzwischen dem Expertenteam zur Kontrolle und Anreicherung der deutschen Terminologie vor. Das Projektteam Der Deutschen Bibliothek war sowohl organisatorisch als auch inhaltlich wesentlich an der Erstellung der Übersetzung beteiligt und hat außerdem gemeinsam mit der IT-Abteilung die Entwicklung der beiden Tools für den künftigen Webservice DDC Deutsch, MelvilClass und MelvilSearch, vorangetrieben.

Jüdische Periodika in NS-Deutschland

Nach erfolgreichem Abschluss des Projektes »Exilpresse digital« konnte ein neues, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Digitalisierungsprojekt in Angriff genommen werden: In Abstimmung mit dem »Compact Memory-Projekt« des Lehr- und Forschungsgebiets Deutsch-jüdische Literaturgeschichte der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main werden seit März 2004 ausgewählte jüdische Zeitungen und Zeitschriften digitalisiert, die in der Zeit von 1933 bis 1943 in NS-Deutschland erschienen sind. Die jüdischen Periodika in NS-Deutschland stellen eine historische Quelle von hohem Rang für die Erforschung des Lebens und Leidens der jüdischen Gemeinschaft unter nationalsozialistischer Herrschaft dar. Auf Grund der Überlieferungssituation ist der Zugang zu ihnen nur eingeschränkt oder unter großen Schwierigkeiten möglich. Ziel des Projektes ist die Digitalisierung, Erschließung und Bereitstellung im Internet der wichtigsten in Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 (oder kurz zuvor) gegründeten jüdischen Periodika.

Projekt Integration der Zeitschriftendaten Der Deutschen Bibliothek in die Zeitschriftendatenbank (ZDB)

Seit Mitte 2002 arbeitet eine Projektgruppe Der Deutschen Bibliothek an der Vorbereitung und Umsetzung der Teilnahme Der Deutschen Bibliothek an der Zeitschriftendatenbank (ZDB). Die für die zukünftige Arbeit besonders wichtigen Arbeitspakete Abgrenzung Monografie - Zeitschrift und die Vorarbeiten zur Erarbeitung von Programmvorgaben für einen maschinellen Abgleich, der die Integration der Zeitschriftendaten Der Deutschen Bibliothek und der ZDB unterstützen soll, wurden vollendet bzw. vorangetrieben. Der Start der Online-Katalogisierung in der ZDB wird voraussichtlich im Frühjahr 2006 erfolgen.

The European Library (TEL)

Das EU-geförderte Projekt The European Library (TEL) wurde im Januar 2004 sehr erfolgreich abgeschlossen und wird von den Projektpartnern unter dem Dach der Conference of European National Librarians (CENL) in einen funktionsfähigen Service überführt. The European Library wird in einem ersten Schritt zum einen die integrierte Suche über die Sammlungen und Kataloge von zunächst neun europäischen Nationalbibliotheken bieten, und zum anderen den Webinformationsservice Gabriel aufnehmen, der nach der Freischaltung von The European Library im April 2005 als eigenständiger Dienst eingestellt wird. Die Geschäftsstelle von The European Library wurde an der Königlichen Bibliothek in Den Haag eingerichtet. Die Deutsche Bibliothek hat den Vorsitz des Management Board inne.
Der Antrag Der Deutschen Bibliothek zur Durchführung eines Folgeprojekts »TEL-ME-MOR« wurde von der Europäischen Commission bewilligt. Das Projekt dient dem Ausbau von Kooperationen und Partnerschaften zwischen den Bibliotheken der »alten« und »neuen« EU-Mitgliedsstaaten und der Integration ihrer nationalen Informationsdienste in den gemeinsamen europäischen Bibliotheksservice The European Library.

Fachveranstaltungen

Unter maßgeblicher Beteiligung der Deutschen Bücherei Leipzig fand vom 23. bis 26. März 2004 der 2. Leipziger Kongress für Information und Bibliothek statt. Im Mittelpunkt des Kongresses stand der Stellenwert der Information in Wirtschaft, Bildung und Politik. Rund 2.500 Teilnehmer aus 29 Ländern waren der Einladung nach Leipzig gefolgt.
Die Arbeitsstelle für Standardisierung veranstaltete am 8. und 9.Juli in der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main eine Fortbildungsveranstaltung zu den Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR) für Mitglieder der vom Standardisierungsausschuss eingesetzten Expertengruppen, für die international renommierte FRBR-Fachleute gewonnen werden konnten. Neben Vorträgen, Diskussionen und Arbeitsgruppen zu Themenbereichen wie Formal- und Sacherschließung, fortlaufende Sammelwerke, Normdateien sowie MAB2-Format wurden Überlegungen für konkrete Arbeitsvorhaben als Teil eines deutschen FRBR-Aktionsplanes zur Diskussion gestellt.
Im Mai fand in der Deutschen Bibliothek Franfurt am Main der EPICUR-Workshop »Persistent Identifier« statt. Gegenwärtig existieren verschiedene Persistent Identifier (URN/DOI)-Dienste. Auf dem Workshop wurden produktive als auch geplante URN- sowie DOI-Anwendungen, Tools zur Workflowunterstützung, Standards sowie die Aktivitäten der Nationalbibliotheken im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) vorgestellt.
Die Deutsche Bibliothek war 2004 mit einem Stand bei den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt am Main sowie auf dem 2. Leipziger Kongress für Information und Bildung vertreten. Während der Leipziger Buchmesse wurde der 4. Erweiterungsbau der Deutschen Bücherei Leipzig präsentiert.

Kulturelle Veranstaltungen

An allen drei Standorten wurde im Berichtsjahr wieder ein interessantes Veranstaltungs- und Ausstellungsprogramm angeboten, das hier nur in einer kleinen Auswahl aufgeführt wird. Ein besonderes Highlight war der festliche »Enthüllungs-Event« der am 25. März 2004 mit Freunden und Partnern Der Deutschen Bibliothek in der Deutschen Bücherei gefeiert wurde. Das Porträt von Klaus-Dieter Lehmann, Generaldirektor Der Deutschen Bibliothek bis 1999, wurde im Rahmen einer Late Night in die Bildergalerie der ehemaligen Generaldirektoren aufgenommen. Die Tradition brechend ließ er sich nicht in Öl porträtieren, sondern von Helmut Newton fotografieren. Ein weiteres Exemplar der Fotografie hat in der Frankfurter Bildergalerie seinen Platz erhalten.
Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum bereicherte die »Nacht der Leipziger Museen« mit einem umfangreichen Programm.
Das Deutsche Musikarchiv Berlin beteiligte sich am »Tag der Archive«. Reges Interesse bei den Gästen fand dabei die neue Dauerausstellung zur Geschichte des Tonträgers.
Unter dem Titel »Kindern vom Faschismus erzählen« widmete sich die Deutsche Bücherei Leipzig in einer Ausstellung der Kinder- und Jugendliteratur zu Holocaust und Nationalsozialismus.
Große Resonanz beim Publikum und bei der Presse fand die Ausstellung »Albert Einstein - Mann des Jahrhunderts«, die vom 20. Februar bis 24. April in der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main gezeigt wurde.

Ausblick

Digitale Publikationen sind Teil des kulturellen Erbes und müssen daher ebenso wie die gedruckten Prublikationen für künftige Generationen aufbewahrt und nutzbar gehalten werden. Wesentlicher Zweck der Neufassung des Gesetzes über die Deutsche Bibliothek ist es daher, den Sammelauftrag der Bibliothek auf die in unkörperlicher Form (Netzpublikationen) veröffentlichten Medienwerke zu erweitern. Damit sollen neben den bislang nur in körperlicher Form gesammelten Medienwerken, wie Büchern und Tonträgern, auch die mittlerweile weit verbreiteten innovativen Veröffentlichungsformen auf Dauer für Literatur, Wissenschaft und Praxis gesichert und zugänglich gemacht werden. Damit kann zugleich das Ziel gefördert werden, in Kooperation mit anderen Einrichtungen das Wissen der Welt in digitalisierter Form verfügbar zu machen und langfristig zu erhalten.

Statistiken

Ausstellungen und Veranstaltungen
Veröffentlichungen

Letzte Änderung: 21.02.2012

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