Ständige Ausstellungen
Zeichen – Bücher – Netze: Von der Keilschrift zum Binärcode
Die neue Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek
Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek
Am Abend des 13. März 2012 wurde in einem Festakt die neue Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums eröffnet. Die Eröffnung war zugleich der Auftakt für die Feierlichkeiten der Deutschen Nationalbibliothek zum 100. Geburtstag, der mit 100 Veranstaltungen zwischen der Leipziger und der Frankfurter Buchmesse gefeiert wird.
In der ersten Woche besuchten knapp 3.000 Interessierte die neue Ausstellung, die sich einer regen Berichterstattung in den deutschen Feuilletons erfreuen konnte.
Eine kurze Mediengeschichte der Menschheit
Mit seiner neuen Dauerausstellung widmet sich das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek mit seinen umfangreichen buch- und schriftgeschichtlichen Sammlungen unter dem Titel »Zeichen – Bücher – Netze: Von der Keilschrift zum Binärcode« einer Kulturgeschichte der Zeichen. Kern der Erzählung und chronologisches Rückgrat der Ausstellung sind die drei Medieninnovationen der Menschheitsgeschichte: Schrift, Buchdruck mit beweglichen Lettern und digitale Netzwelten. Die Ausstellung spannt den zeitlichen Bogen von der Frühgeschichte bis heute und regt dazu an, über die Zukunft der Medien in unserer Gesellschaft nachzudenken.
Flankiert wird die Dauerausstellung durch spielerische Bildungsangebote im neuen Museumskabinett.
Der Themenhorizont der neuen Dauerausstellung
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen in Ägypten und im Vorderen Orient gaben im 4. Jahrtausend die entscheidenden Impulse zur Entwicklung von Schrift, deren entscheidende Wegmarke die Alphabetschrift ist.
Während die Geschichte der Schrift anhand archäologischer Relikte erzählt wird, setzt sich Boris Petrovsky in seinem interaktiven Medienkunstwerk »abc-Matrix« mit der Frage auseinander, wie sich aus dem langsamen Entziffern von Zeichen Sinn ergibt.
Seit je wird das Schreiben von den unterschiedlichen Anlässen des Aufzeichnens und Speicherns geprägt: Ob Kassiber, Tattoo oder Felszeichnung, ob für die Ewigkeit oder für den Moment – das kulturelle Umfeld und die Absicht des Schreibenden bestimmen die Schreibtechnik.
Schrift ist aber nicht nur das Ergebnis eines Speicherprozesses, sie ist zugleich gestaltetes Zeichen und optisches Signal. Schriftgestalter ringen seit Jahrhunderten um die künstlerische Ausgewogenheit von Schriften, die gute Lesbarkeit mit gestalterischer Perfektion verbinden.
Das Medium, das wie kein anderes die schriftlichen Zeugnisse der Menschheit überliefert hat, ist das Buch. Es bildete sich in der bis heute geläufigen Form im 1. Jahrhundert n. Chr. heraus. Höhepunkt der Bedeutung des Buches für die Kultur war die mittelalterliche Handschriftenzeit. Neben die Klöster als Hauptzentren für Wissenspflege und Buchkunst traten im 12. Jahrhundert Universitäten, Fürstenhöfe und die städtische Verwaltung. Buchbesitz und Buch wissen blieben aber weitgehend elitär – die Handschriftlichkeit erweist sich als Grenze der medialen Wirksamkeit.
Erst durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern wird das Buch das Leitmedium. Die komplexe Drucktechnik von Johannes Gutenberg markiert als bedeutendste Innovation der frühen Neuzeit einen Einschnitt in der Geschichte. Einneues Medienzeitalter beginnt, das Buch wird zur Ware für einen anonymen Markt und fördert den europäischen Kommunikationsprozess. Die Massenfertigung gleicher Produkte erforderte neue Vertriebsnetze. In Zusammenhang mit der Reformation übernahm der Buchdruck Berichterstattung und öffentliche Meinungsbildung. Auch für die wissenschaftliche Begründung der Welt und die Demokratisierung von Bildung war der Buchdruck der wichtigste Katalysator.
Die Lektüre blieb bald nicht mehr auf die gelehrte Welt, religiöse Erbauung oder nützliche Anwendung beschränkt, sondern entwickelte sich dank fiktionaler Literatur zum geselligen Zeitvertreib, der neue Leserschichten erfasste und eine ungeahnte Nachfrage nach Lesestoffen auslöste. Im 18. Jahrhundert vollzieht sich ein Mentalitätswandel im Lesen, den bereits die Zeitgenossen als »Vielleserei« und »Lesewut« bezeichneten. Ob in Lesegesellschaften, Leihbibliotheken, dörflichen Wirtshäusern oder im Wohnzimmer – das Lesen war aus öffentlichen und privaten Räumen nicht mehr wegzudenken. Von Goethes »Werther« bis zu den heute längst vergessenen Räuber- und Rittergeschichten in verschlissenen, schlecht gedruckten Heftchen: Lesefutter aller Art.
Die massenhafte Produktion von Gedrucktem und seine Rolle in Gesellschaft und Religion rief das Bedürfnis nach Kontrolle wach. Als Eingriff in die Meinungsfreiheit und als erzieherische Maßnahme erhielt die Zensur eine neue Dimension. Die Reformation wurde ihr entscheidender Katalysator.
Die Zensurlisten der katholischen Kirche – der zwischen 1559 und 1967 erschienene Index librorum prohibitorum – sind der prominenteste Versuch, den Buchmarkt systematisch zu kontrollieren. Mit Tarnschriften und Untergrundliteratur versuchen Autoren und Verleger, den Fangnetzen der Zensur zu entgehen.
Mit der großen Nachfrage nach Gedrucktem setzte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung der Buchproduktion ein. Die Ablösung der Handarbeit durch den Maschinenbetrieb zielte am Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine umfassende Automatisierung. Die damit gegebene Steigerung der Produktionszahlen und die Erschließung neuer Leseschichten ging Hand in Hand mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Um die Bedürfnisse dieser bildungsbeflissenen, auch an Unterhaltung interessierten Leser schichten zu befriedigen, konnten und mussten neue Buchgattungen und Publikationsformen entwickelt werden, die sich durch niedrige Preise und großzügige Bebilderung auszeichneten.
In Abgrenzung von der industriellen Massenproduktion von Büchern bildeten sich am Ende des 19. Jahrhunderts buchkünstlerische Strömungen heraus, die das Buch als kunsthandwerklichen Gegenstand begriffen. Die englische Buchkunstbewegung, die Bauhaustypografie und das Künstlerbuch bereiteten dem modernen Verständnis von Buchgestaltung den Weg.
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Massenmedien: Zeitungen, Radio, Fernsehen und schließlich das Internet prägen die Medienkommunikation moderner Gesellschaften. Das Buch befindet sich stärker denn je im Wettbewerb mit anderen Medien der Vermittlung und Speicherung von Information. Das »Zeitalter der Extreme« (Eric Hobsbawm) ist von Beschleunigung, Technisierung und Vernetzung geprägt. Am Beginn des 21. Jahrhunderts stehen sich ein boomender Buchmarkt und eine Welle der Digitalisierung und Virtualisierung aller Medien gegenüber.
Mit dem Eintritt des Buches in die Netzwelt entstehen virtuelle Bibliotheken: Information und Wissen sind über das Universalmedium Internet überall verfügbar, sind vernetzt und multimedial. Die »virtuelle Bibliothek« ist eine universelle Vorstellung, die alle Formen der Kommunikation und Rezeption integriert und die Schrift und Buch als zwei menschheitsgeschichtliche Innovationen weiter entwickelt.
Und morgen? Aussagen aus der Zukunftsforschung, aus Literatur und Science-Fiction verdichten sich am Ende der Ausstellung in künstlerisch gestalteten Guckkästen zu einer »Kulturgeschichte der Zukunft«, auf die durchaus auch augenzwinkernd referiert wird.
Forum für Fragen des Medienwandels
In der knapp 1.000 qm großen Dauerausstellunghalle im Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek, die mit ihrer fassadenhohen Vollverglasung dem Topos des Museums als dunklem Schatzkästlein auf Schönste widerspricht, erzählen rund 1.000 Objekte Geschichten aus den letzten 5.000 Jahren Mediengeschichte. Den konservatorischen Anforderungen der Objekte tritt eine Mehrfachverglasung entgegen, die für die angemessene Filterung des Lichtes sorgt, ohne auf die großzügige Raumarchitektur zu verzichten.
Der Museumslesesaal mit umfangreicher Fachliteratur, das Museumskabinett für begleitende Aktionen rund um Schrift, Buch und Papier, ein Seminarraum für die Arbeit mit Studenten, die Wechselausstellungshalle und der Tresor: Als lebendiges Forum für Fragen des Medienwandels tritt das Museum mit einem vielstimmigen Konzert der Angebote dafür ein, dem Buch, aber auch seinen digitalen »Geschwistern« das Publikum zu sichern. Indem es auf die Geschichte der Medien neugierig macht, weckt es die Sensibilität für Fragen nach der Zukunft der Informationsgesellschaft.
Öffnungszeiten:
Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr
Donnerstag 10 – 20 Uhr
Last update: 30.3.2012


