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Gründungsgeschichte

Von den Widerständen im Deutschen Reich gegen die Idee einer nationalen Bibliothek bis zur Gründung der Deutschen Bücherei 1912

Gründung der DNB Gründung der DNB

In den Jahrzehnten nach der Reichsgründung 1871 wurde über die Schaffung einer zentralen Sammel- und Aufbewahrungsstätte für die erscheinenden literarischen Werke diskutiert. In dem Diskurs findet sich eine verwirrende Vielfalt von Bezeichnungen für diese in Deutschland nicht vorhandene und mehr oder weniger vermisste Institution. So ist von Reichsbibliothek, Deutscher Zentralbibliothek, Deutscher Bibliothek, Deutscher Bücherei und gelegentlich auch von Nationalbibliothek die Rede. Die Unbestimmtheit im Umgang mit dem Begriff verweist auf ein kultur- und wissenschaftspolitisches Dilemma: Das deutsche Bibliothekswesen jener Jahre glich einer Pyramide, der jedoch eine Spitze in Gestalt einer Nationalbibliothek fehlte.
Versuche, diesen Zustand zu verändern, trafen auf komplizierte Bedingungen voller Widersprüche. Mit dem Deutschen Reich war 1871 als Ergebnis der kleindeutschen Reichseinigung von oben ein gesamtstaatlicher Rahmen unter preußischer Dominanz entstanden. Da das Reich als Staatenbund aber föderal strukturiert war, standen der Idee einer zentralen Bibliothek mit nationaler Bedeutung erhebliche verfassungsrechtliche und politische Hürden entgegen. Den Nachholbedarf der "verspäteten Nation" machte der Blick über die Grenzen nach Westeuropa offensichtlich. Angesichts der ökonomischen Entwicklung und der außenpolitischen Ansprüche des Reichs, ganz zu schweigen von den Bedürfnissen der Wissenschaft, stellte sich die nicht zeitgemäße Literaturversorgung immer deutlicher als Politikum dar.
Es bestand jedoch wenig Aussicht, das deutsche Bibliothekswesen durch eine Einrichtung des Typs Nationalbibliothek abzurunden und damit hinsichtlich der Bewahrung der kulturellen Überlieferung zu den westeuropäischen Nachbarn und den USA aufzuschließen. Da es keine nationale Kultur- oder Wissenschaftspolitik gab, konnte auch keine nationale Bibliothekspolitik betrieben werden. Und politisch oder gesellschaftlich relevante Kräfte, die sich für eine zentrale Institution engagierten, waren kaum vorhanden. Die zaghaften Bemühungen, etwa den Reichskanzler zum Handeln zu bewegen, fanden jeweils ein schnelles Ende. So blieb eine Eingabe deutscher Schriftsteller vom 30. März 1881 "… die Begründung einer Deutschen Reichsbibliothek betr." an den Kanzler Bismarck ohne Resonanz.

Der Widerstand gegen die Pflichtabgabe

Der spätere offizielle preußische Hofhistoriograf Heinrich von Treitschke beschrieb 1884 die Position Preußens so: Zwar gehöre eine Nationalbibliothek zu den Attributen eines Nationalstaates. Die besondere Verfassung des Deutschen Reichs erlaube es jedoch nicht, die Königliche Bibliothek zu Berlin als Reichsbibliothek zu etablieren. Zudem sei die Vielzahl dezentraler Bibliotheken, deren Gesamtheit die Vielfalt deutscher Kultur widerspiegele, sogar ein Vorteil gegenüber dem zentralen Modell des British Museums oder der Bibliothèque nationale. Immerhin enthielt das Statut der Berliner Bibliothek vom 16. November 1885 die Aufgabe, "in möglichster Vollständigkeit die deutsche und in angemessener Auswahl auch die ausländische Literatur zu sammeln". Diese Formulierung lässt sich als Reaktion auf die „Kulturkonkurrenz“ werten, in die sich das Reich durch die Herausbildung des Konzepts der Nationalbibliothek und deren Förderung als Obliegenheit eines Kulturstaates gestellt sah. Wie weit aber der kultur- und bibliothekspolitische Anspruch und die Realität auseinanderklafften, zeigt die Tatsache, dass die Direktion der Königlichen Bibliothek 1912 zugab, lediglich zwei Drittel der deutschsprachigen Buchproduktion zu besitzen. Pro Jahr fehlten also rund 10.000 Titel.
Die nationalen Sammelstätten in London und Paris besaßen mit den Pflichtexemplaren aus der laufenden nationalen Buchproduktion, zu deren kostenloser Ablieferung der Buchhandel verpflichtet war, eine solide Basis. Im Deutschen Reich hingegen fehlte eine vergleichbare gesetzliche Grundlage. 1874 hatte eine Reichstagsmehrheit im Zuge der Pressegesetzgebung eine reichsgesetzliche Reglung der Abgabe von Pflichtexemplaren abgelehnt und die alleinige Zuständigkeit der Bundesstaaten bekräftigt. Auch im Zusammenhang mit der Regelung des Urheberschutzes kam es nicht zur Gründung einer zentralen Sammelstelle aller Neuerscheinungen, wie sie von Buchhändlern vorgeschlagen worden war.
In den folgenden Jahrzehnten bekräftigten Bismarcks Amtsnachfolger mehrfach, dass das Reich weder für die Gründung einer Reichsbibliothek im Sinne einer Nationalbibliothek noch für eine reichsgesetzliche Regelung zur Abgabe von Pflichtexemplaren zuständig sei. In den Bundesstaaten gelangte jeweils nur die auf dem eigenen Territorium verlegte Literatur in die Landesbibliotheken. Anders als in Preußen gab es entsprechende, aus der Pressezensur bzw. aus dem Privilegienwesen resultierende Gesetze nicht einmal in allen Staaten. Wie empfindlich die Aufhebung der Pflichtabgabe die Literaturversorgung eines Landes treffen konnte, zeigte das Beispiel Sachsen: Der Wegfall des Pflichtexemplars 1870 führte in den dortigen Bibliotheken zu einem "Notstand".
Anfang des 20. Jahrhunderts spitzte sich die Lage dramatisch zu. Einerseits verdreifachte sich die jährliche Buchproduktion des Deutschen Reichs von 1871 bis 1911 von knapp 12.000 auf 33.000 Druckwerke. Andererseits wuchs die Kluft zwischen dem, was aus der aktuellen Produktion erworben wurde und was keine Aufnahme in die Bibliotheken fand. So erhielt die Königliche Bibliothek zu Berlin zwar die in Preußen verlegten Druckwerke als Pflichtstücke. Diese machten aber nicht einmal die Hälfte der deutschen Titel aus. Und die für Ankäufe zur Verfügung gestellten Mittel reichten bei weitem nicht aus, um die Löcher zu schließen. 1913/14 etwa wurden für neuere deutsche Bücher in Berlin nicht mehr als zehn Prozent der Erwerbungsmittel ausgegeben.
Schlimmer noch war, dass die Unterversorgung nicht allein ein Problem unzulänglicher finanzieller Ressourcen war, sondern auch grundsätzlichen Vorbehalten gegen eine auf Vollständigkeit angelegte nationale Sammelstätte geschuldet war. So zog Adolf von Harnack, Generaldirektor der Königlichen Bibliothek, gegen die "subalterne Sammelwut der großen Massen" zu Felde. Die Bibliothekare jener Jahre glaubten, die Maßstäbe zu kennen, was aus der aktuellen Literatur zum Guten und damit Aufhebenswerten gehörte. Diese Haltung hatte Folgen: Eine Bilanz für die Königliche Bibliothek in Berlin aus dem Jahre 1906 ergab, dass der Bestand "besonders in der Medizin und den Naturwissenschaften, in allen technischen Fächern, in den kleinen politischen Schriften und namentlich in der belletristischen Literatur die empfindlichsten Lücken" aufweist.

Der Druck von Schriftstellern und Wissenschaftlern

Gleichwohl wuchs der Unmut über die bestehenden Verhältnisse. Gelehrte suchten oftmals vergeblich nach Forschungsliteratur und Quellenschriften. Schriftsteller äußerten die Sorge, dass ihre literarischen Werke nur geringe Aussicht hatten, dauerhaft überliefert zu werden. Und Vertreter der naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen kritisierten, dass Veröffentlichungen ihrer Fachgebiete in den großen Bibliotheken völlig unterrepräsentiert waren. Hierzu passt der Tenor dieser Stellungnahme: "Die Zeit, in der wir leben, ist gekennzeichnet durch eine Anzahl ungeheurer Umwälzungen (…) Für den Forscher kommender Jahrhunderte wird deshalb gerade unsere Zeit von dem größten Interesse sein, in der Anfänge jener Kultur liegen, die ihm Gegenwart sein wird. Wer sich diese Sachlage vergegenwärtigt, dem muss es geradezu unverantwortlich erscheinen, wenn unsere Zeit nicht sorgsam sammelt, was dereinst Zeugnis von diesen Umwälzungen geben kann. Und was vermöchte das mehr, als die Druckschrift, die – vereinzelt vielleicht belanglos – in der Gesamtheit der Erscheinungen ein deutliches Spiegelbild entwirft von Vorgängen, die uns selbst vielleicht nicht einmal zum Bewusstsein kommen." Geäußert wurden diese mahnenden Worte von Erich Ehlermann, Dresdner Verlagsbuchhändler und 2. Vorsteher des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig.
Ehlermann trat seit 1910 für die Begründung einer neuen Bibliothek in Leipzig ein. So schlug er vor, eine Reichsbibliothek in Leipzig zu errichten. "Diese deutsche Zentralbibliothek soll die Aufgabe erhalten, mit möglichster Vollständigkeit die Erzeugnisse des gesamten Buchhandels im deutschen Sprachgebiete, die gesamte deutsche periodische Literatur, die Privatdrucke, Festschriften, Flugblätter und ähnliche Drucke zu sammeln." Unterstützt wurde er dabei unter anderem von den Leipziger Verlagsbuchhändlern Arthur Meiner und Albert Brockhaus. Schließlich führten Ehlermann, Brockhaus sowie der Erste Vorsteher des Börsenvereins, Karl Siegismund, Verhandlungen mit dem Reichskanzler, dem Staatssekretär des Reichsamts des Innern, dem preußischen Kultusministerium und der Direktion der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Da das Reich sowohl eine zentrale Lösung als auch eine finanzielle Beteiligung ablehnte, einigte man sich auf einen Kompromiss. Dieser sah vor, dass die zu gründende Deutsche Bücherei die aktuelle literarische Produktion vollständig sammeln und bewahren sollte. Um die etablierten, ob der entstehenden Konkurrenz besorgten Bibliotheken und deren Träger zu beschwichtigen, sollte sie jedoch grundsätzlich auf eine Rückwärtsergänzung der Bestände wie auch auf die Sammlung fremdsprachiger Literatur verzichten.
Das Königreich Sachsen und die Stadt Leipzig fanden sich schließlich bereit, die Bücherei auch ohne die Beteiligung anderer Partner ins Leben zu rufen. Dieser Entschluss war nicht nur kulturpolitisch motiviert, sondern auch wirtschaftlichen Interessen geschuldet – ein Umstand, der Zeitgenossen wie Adolf von Harnack wohl bewusst war, von der späteren bibliotheksgeschichtlich verengten Historiografie jedoch weitgehend ausgeblendet wurde. Tatsächlich war der Buchsektor für die sächsische Wirtschaft strukturell von großer Bedeutung. Daher unterstützten die sächsische Regierung wie auch die Leipziger Stadtverordneten seit den 1880er-Jahren die einheimische Buchwirtschaft gegen die von Berlin ausgehenden Bestrebungen, Leipzig die führende Rolle im deutschsprachigen Buchhandel streitig zu machen. Die Mittel hierfür wurden aus der Wirtschafts- und Gewerbeförderung Sachsens bereitgestellt. In den parlamentarischen Verhandlungen der sächsischen Stände erklärte selbst der Finanzminister, er könne "auch vom rein wirtschaftlichen Standpunkte aus" mit Blick auf die zu erwartenden Steuereinnahmen durch die Stärkung des Leipziger Buchhandels die Gründung der Bibliothek nur empfehlen.

Sammlung aller Neuerscheinungen

Am 3. Oktober 1912 wurde der Vertrag zwischen dem Königreich Sachsen, der Stadtgemeinde Leipzig und dem Börsenverein der deutschen Buchhändler zu Leipzig unterzeichnet und eine Bibliothek mit einem besonderen Charakter in Leipzig geschaffen. Sie war – erste Besonderheit – eine "Anstalt", das heißt Eigentum eines Vereins, der die Interessen des deutschen Buchhandels vertrat. Während die Errichtung eines Gebäudes und der Unterhalt für die nächsten zehn Jahre vom Land und von der Kommune übernommen wurden, war der Börsenverein für die Beschaffung der Druckwerke zuständig. Das war eine völlig neuartige Aufgabenteilung zwischen Gebietskörperschaften und einem Wirtschaftsverband. Die dritte Besonderheit bestand darin, dass die Bibliothek vollständig alles sammeln und bewahren sollte, was ab dem 1. Januar 1913 im Deutschen Reich sowie in Österreich und der Schweiz publiziert wurde. Ausgenommen war die Ergänzung mit vor 1913 erschienenen Büchern wie der Erwerb fremdsprachiger Literatur. Schließlich stellte der Börsenverein in Aussicht, der deutsche Buchhandel werde freiwillig und kostenlos die neuerscheinenden Drucke zur Verfügung stellen, was ein Pflichtexemplargesetz entbehrlich machte. Am 1. Januar 1913 nahm die Deutsche Bücherei ihre Tätigkeit auf. Sie stand als Präsenzbibliothek allen Interessenten kostenlos zur Benutzung zur Verfügung. Die Frage nach einer deutschen Nationalbibliothek war damit in ein neues Stadium getreten.

Text: Lothar Poethe

Last update: 18.02.2013

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